Die Schulbildung in Deutschland – gerecht oder unfair?


Der Schulbildung in Deutschland wird oft vorgeworfen, dass sie ungerecht sei, indem sie die ohnehin benachteiligten weiter benachteiligt. Für ein differenziertes Urteil genügen Stammtischparolen und Zeitungsschlagzeilen indes kaum, vielmehr ist eine genaue Betrachtung notwendig.

Die politische Verantwortung für die Schulbildung in Deutschland

Bildung ist in Deutschland Ländersache, das heißt, dass es grundsätzlich 16 unterschiedliche Schulgesetze in der Bundesrepublik Deutschland gibt, die sich mehr oder weniger stark von dem allgemeinen Eindruck des dreigliedrigen Schulsystems unterscheiden. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise gibt es in Folge des jüngsten Schulkompromisses nicht 3, sondern 6 unterschiedliche Schulformen für die weiterführende Schule, nämlich die Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Gesamtschule, Gemeinschaftsschule (soweit die bereits angelaufenen tatsächlich dauerhaft realisiert werden) und Sekundarschule. Hinzu kommen zahlreiche Reform- und Versuchsschulen in unterschiedlichen Landesteilen. Es ist also nicht möglich, von “einer Schulbildung” zu sprechen, allerdings kann ein Vergleich über weitgehend innerhalb bestimmter Rahmen definierte Abschlüsse erfolgen.

Der Aufbau der Schulbildung in Deutschland

Schulbildung erfolgt in Deutschland prinzipiell in zwei Stufen (Primar- und Sekundarbereich), wobei etwa im Berufsschulwesen auch teile des Tertiärbereiches (Berufsausbildung) von der Schule übernommen werden. Im Primarbereich – der Grundschule – findet sich die einzige echte Gesamtschule in Deutschland, der weitaus größere Teil des Sekundarbereiches ist von einem dreigliedrigen Schulsystem geprägt, das als Abbild der Gesellschaft entstand und zukünftigen Arbeitern/Handwerkern (Hauptschule), Angestellten (Realschule) sowie dem Führungspersonal bzw. Akademikern eine allgemeinbildende Grundlage für ihren jeweiligen Berufsbereich vermitteln sollte. Auch die sogenannten Gesamt- oder Mittelschulen, die eigentlich zur Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems geschaffen wurden, führen die Tradition dieser drei Abschlüsse mit ihren jeweiligen Abstufungen (qualifizierender Realschulabschluss, Hauptschulabschluss nach Klasse 9, Fachabitur usw.) fort, stützen also zwar nicht die Basis, aber doch das Ziel des dreigliedrigen Schulsystems eine Abschlussstruktur zu schaffen, die im wesentlichen ein Abbild der Gesellschaft darstellt.

Zugänglichkeit und Durchlässigkeit

Der grundsätzliche Vorwurf, mit dem das vorhandene System immer wieder kritisiert wird, ist, dass es erstens nur eine eingeschränkte Zugänglichkeit zu den höheren Bildungsformen und zweitens nur eine geringe Durchlässigkeit bietet, konkret also der weitere Lebensweg eines Kindes ohne Gymnasialempfehlung nach der Grundschule – und damit der Primarstufe – bereits massiv eingeschränkt sei. Tatsächlich ist es so, dass die Grundschulempfehlung in einigen Bundesländern verpflichtend ist. Wo das nicht so ist, ist die Schulanmeldung in ländlichen Regionen mit einzelnen weiterführenden Schulen je Gemeinde weitgehend freigestellt, in Städten haben die Schulen oft deutlichen Einfluss darauf, welche Anmeldung sie annehmen und welche nicht. Wer jedoch seine Kinder nicht an der Wunschschulform anmelden kann, hat oft die Möglichkeit, zum Beispiel auf eine Gesamtschule auszuweichen. Scheitert auch das, zeigt sich schnell, dass die Schulbildung nicht so starr ist, wie es häufig scheint. Genauso, wie am Gymnasium nicht nur das Abitur sondern vom Hauptschulabschluss nach Klasse 9 über den Realschulabschluss und die Fachhochschulreife bis zum Abitur jeder Abschluss der Sekundarstufe erworben werden kann, decken auch Haupt- und Realschulen ein großes Spektrum ab. Es ist beispielsweise an jeder Schule der Sekundarstufe möglich, den qualifizierenden Realschulabschluss – die sogenannte Fachoberschulreife – zu erwerben, die auch am Gymnasium nach Klasse 9 oder 10 die Grundlage für den Erwerb des Abiturs darstellt. Wer also seine Schullaufbahn an einer Hauptschule beginnt, kann mit etwas Fleiß dort einen guten Abschluss und schließlich trotzdem Abitur machen.

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